Die Merzfeier
Festlich prangt mit grünem Eppich Schüssel uns und Tisch; Festlich prangt der feine Teppich, Von der Mangel frisch! Festlich, wie zum hohen Schmause, Prangt das ganze Volk der Klause! Heute gab der kleine See Dieses Glas voll Güldenklee. Rings, o Weiblein, reich‘ es allen! Alle merkt genau! Herrlich blühts zum Wohlgefallen, Röthlich, weiß und blau! All‘ erfreuet Aug‘ und Nase Mit dem Blumenbund‘ im Glase! Denn er duftet linden Merz, Und entwintert euch das Herz! Auf, mit vollem Kelche klingend Grüßt des Merzes Duft! Auch die Lerche stieg, ihn singend, Heut in klare Luft! Klingt! und flecke Wein den Drillich: Unsre Frau verzeiht ja willig! Etwas Bleich‘ im Frühlingsschein Macht die ärgsten Flecken rein! Ihm, wer selber mit gewesen, Schmeckts noch eins so gut! Selbst den Blumenstrauß zu lesen, Das erhöht den Mut! Am bebüschten Hang, wie sonnig Lagen wir auf Moos‘ und wonnig! Oben wars noch weiß von Schnee, Unten blau von Güldenklee!
Jauchzend pflückten wir im Klettern Uns die Linke voll, Wo, gewärmt von feuchten Blättern, Blau ein Knöspchen schwoll. Wettgeeifert ward ohn‘ Ende, Wer sie mehr und schöner fände; Wer zuerst ein weißes fand, Ward als Sieger anerkannt. Zart entstieg des Grases Hälmchen Hier am Sumpf und dort; Wollig hing der Weide Pälmchen Am enteisten Bord; Purpurrothe Haselblüte Schmückt‘ uns Busentuch und Hüte; Schon die Primel hob geheim Unter Dorn den gelben Keim. Warm vom Jugendtrieb des Lebens, Schwoll der lockre Grund. Wir auch fühlten uns voll Strebens, Jung, verliebt, gesund! Fleuch nicht, aufgewärmte Schlange! Wir sind friedlich; sei nicht bange! Schon vorlängst vergaben wir Evchens Apfelessen dir. Fröhlich unsrer Beut‘ und später, Wallten wir fortan, Hier ein Dörfling, dort ein Städter, Gaft‘ uns wundernd an. Gaft nur, Leutchen! Wir verstehn es: Jedem Monat blüht sein Schönes, Selbst in Sturm und Schnee und Eis; Wenn mans nur zu finden weiß!
Johann Heinrich Voß, 1795. - Erstdruck: Musenalmanach für 1800. Von Johann Heinrich Voß. Der lezte. Neustrelitz: Ferdinand Albanus [1799], S. 93-96. - Auch in: In: Sämtliche Gedichte. Th. 5. Oden und Lieder, IV - VI. Buch. Königsberg: Friedrich Nicolovius 1802, S. 218-222.